pornart – Anatomie eines Betrugs

Schon seit etlichen Jahren stößt mir der in der Aktfoto-Szene immer häufiger verwendete Begriff der pornart negativ auf. Was bitte soll das denn sein? Im alltagssprachlichen wie im rechtlichen Sinne handelt es sich um ein Oxymoron, also einen Terminus, der von zwei sich strukturell ausschließenden Begriffen gebildet wird (für die Vergeßlichen: in der Schule meist demonstriert am Beispiel des ‚schwarzen Schimmels`). Dies ist einer der Fälle, in denen wir rechtliche Setzung nicht nur ernst, sondern auch alltagssprachlich als Vorbild nehmen sollten. Die strafrechtilchen Bestimmungen gegen die Verbreitung pornographischer Darstellungen werden in Deutschland durch einen vom Artikel 5 des Grundgesetzes garantierten Kunstvorbehalt limitiert: Was Kunst ist, darf von der Justiz nicht als Pornographie behandelt werden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Gemälde „Leda mit dem Schwan“ von Antonio Allegri wäre unzweifelhaft Tierpornographie, die hierzulande einem strikten Verbreitungsverbot unterliegt, wenn es sich nicht – ebenso unzweifelhaft – um Kunst handeln würde. Und ich bin mir sicher, was der Künstler hier geschaffen hat, ist eben genau keine pornart.

Aber was beinhaltet diese seltsame Kategorie denn dann – und was soll sie uns ästhetisch wie moralisch bedeuten? Eine längere Recherche im Internet, die nur wenig Erfreuliches zutage förderte, hat mich zu dieser empirischen Einsicht geführt: Wenn man einmal von den (seltenen) Fällen künstlerisch orientierter Aktfotografie absieht, die sich durch die Nutzung des Begriffs den Nimbus des Verruchten geben und so höhere Aufmerksamkeit generieren will, lassen sich bei selbstdeklarierter pornart phänomenologisch zwei Typen unterscheiden: Erstens Bild- und Filmserien ganz traditioneller Pornoproduzenten, die mit makellosen Körpern und steriler Optik pornographische Geschichten im Hochglanzformat erzählen und mit diesem Label Kunden ansprechen wollen, die ihren (ja durchaus legitimen) Pornokonsum aus welchen Gründen auch immer ästhetisch-moralisch beschönigen möchten, Zweitens die ‚Werke’ eher untalentierter und künstlerisch uninformierter Amateurfotografen [der Ehrlichkeit halbe sollte man hier auf die Zufügung ~Innen verzichten], die eigentlich sexuelle Interaktionen in Form von klassischer Pornographie ablichten möchten, dies aber unter dem moralischen Deckmäntelchen der ‚Kunst’ meinen verbergen zu müssen. In beiden Fällen handelt sich um betrügerische Versuche eine neue Kategorie zwischen dem Erwünschten und dem Verruchten in die Welt zu setzen. Die Darstellung sexueller Interaktionen mit kommerziellem Hintergrund bleibt immer schnöde Pornographie – auch wenn sie sich durch einen dünnen Überzug aus (vermeintlicher) Kunst kulturell aufwerten und salonfähig machen will. Und ‚Akt’fotografie, die den sexuellen Akt unreflektiert und ungebrochen in den Mittelpunkt rückt, konkurriert lediglich mit dem rein kommerziellen Produkt, hat aber in der Regel wenig bis gar nichts mit Kunst zu tun.

Dies heißt natürlich nicht, dass es nicht unverstellte künstlerische Darstellungen der menschlichen Sexualität geben würde. Ganz im Gegenteil: Die künstlerische Abbildung des menschlichen Körpers und aller seiner Vollzüge konnte und durfte schon immer überbordend, grenzüberschreitend, verwegen und letztlich natürlich auch obszön ausfallen. In der Kunst bedarf es dafür es keines betrügerischen Labels. Im Umkehrschluss heißt dies dann aber eben auch: wer den Begriff verwendet, hat mit Kunst wenig am Hut. Es mag Ausnahmen geben, die die Regel bestätigen – aber man muss im Netz schon lange suchen (was ich getan habe), um auf pornart zu treffen, die das Suffix art zu Recht verdient. Also liebe Mitkünstler#innen: Wer es ernst meint mit der Kunst, verzichtet besser auf diese Mogelpackung. Und liebe Fotomodelle: Falls Euch jemand mit großartigen finanziellen Versprechungen für „pornart“ anfragt, stellt Euch einfach auf eine eher unprofessionelle Pornoproduktion ein, deren Ergebnisse bildäshtetisch oftmals alles andere als ansprechend sind. So könnte es sein, dass Ihr Euch am Ende des Fototermins in mehr als einer Hichsicht betrogen fühlt.

Mein Dank geht an alle Fotograf#innen und Modelle, die ich zur Vorbereitung dieses Blogbeitrags um Ihre Meinung zum Thema gebeten hatte. Auf ihre Art waren die verweigerten Antworten dabei genauso lehrreich wie die freimütigen Kommentare. Erstere zeigten mir nämlich sehr eindringlich, das mit jener pornart wirklich irgendetwas nicht stimmt …

Wer ganz anderer Meinung ist oder einen informierten Kommentar hinzufügen möchte, kann mich gern kontaktieren: kunst@kytoml.de . Was ich hilfreich finde, trage ich hier ein.

Bild oben: „Leda mit dem Schwan“ von Antonio Allegri – Quelle: Wikipedia Commons.

Musik zum Thema: Die Ärzte: Ab 18 (1987) – ein wunderbares Beispiel für den Kampf zwischen Kunst und Jugendschutz. Auch dies wieder, man ahnt es schon: kein pornart… sondern eben, je nachdem wie die Gerichte gerade entscheiden, das eine oder das andere.

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Kommentare:

Maren P.: Eine besonders hinterhältige Variante hast Du noch vergessen: Wenn frau zu einer ‚pornart‘-Session eingeladen wird, heißt das manchmal leider, dass der Mann (!), der hinter der Kamera stehen sollte, mit vor die Kamera will. Du weißt, was ich meine…

Milan von Ostfalen: Wir hatten doch mal über das großartige Buch „Zwischenlagen“ von Bernhard Giesen gesprochen. Was bedeuten denn seine Kernthesen für Dein Untersuchungsfeld? Was wäre denn den die Zwischenlage bei Pornographie und Fotokunst? Das können doch nicht nur gewisse Videos der Band Rammstein sein, oder?

mnw: Mich erinnert es an den Versuch der Abgrenzung von Kitsch zu Kunst zu Kitsch zu Kunst zu Kitsch…. ‚Das sogenannte Schöne‘ definiert sich nunmal über Zeitgeist, soziale Herkunft und dem Bedürfnis nach Abgrenzung. Ähnlich dürfte es in der Diskussion um Pornografie und Kunst sein. Ich für mich benutze den Begriff pornart höchstens im Gespräch bei dem Versuch, meine Vorgehensweise in einem shooting zu erläutern. Und hier auch eher als Abrenzung. Pornart bei einem shooting ist für mich der Vorsatz einen Erguss oder den Akt fotografisch festzuhalten. Dieser Vorsatz besteht bei mir selten. Meine Bilder bezeichne ich nicht als pornart. Im ersten Schritt fotografiere ich konkrete Menschen. Dabei entstehen private Bilder für diese Personen.
Im nächsten Schritt ziehe ich aus diesen privaten Bildern jene heraus, die für mich künstlerisches Potential haben. Sie sind dann Kunst für mich, wenn sie losgelöst von der fotografierten Person Gefühle zeigen oder Geschichten erzählen können. Der künstlerische Akt ist für mich, genau diesen Schritt vom Privaten heraus zu meistern.

 

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